VDZ-Präsident: Kritik an „Hydra“ Facebook und Öffentlich-Rechtlichen


Nach Überzeugung von Rudolf Thiemann wird es noch lange Zeitschriften geben. Die Zeiten von Megaauflagen seien aber vorbei. Im Internet sieht der neue VDZ-Präsident die Dominanz von Google & Co. bei der Werbung genauso kritisch wie die Angebote von ARD und ZDF. 

Insgesamt hält Thiemann, der Anfang November als Nachfolger von Stephan Holthoff-Pförtner an die Spitze des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) gewählt wurde, die Aussichten der Branche aber für positiv: "Die Leute wollen lesen, sie werden lesen, die Zeitschrift wird noch lange, lange leben." 

Frage: Wenn man sich am Zeitungsregal umschaut, die Auswahl wird immer breiter.

Antwort: Wir können froh sein, dass die Zeitschriftenwelt, auch wenn wir uns von den Megaauflagen verabschiedet haben, so innovativ ist. Jeden Monat werden in Deutschland rund 240 Millionen Euro für Zeitschriften ausgegeben. Jährlich haben wir 150 neue Titel, natürlich werden auch einige wiedereingestellt, aber 40 Prozent der Titel am Markt sind weniger als zehn Jahre alt. 

Frage: Aber die Zeitschrift für alle gibt es nicht mehr?

Antwort: Es gibt eine Fragmentierung der Interessen der Gesellschaft, die von den Medienmachern widergespiegelt wird. Das finde ich auch großartig an der deutschen Magazinwelt. Immer wenn es irgendein neues Hobby gibt oder irgendeinen Sport, dann gibt es bald eine Zeitschrift dazu. Und wenn diese Erfolg hat, bald die zweite und die dritte, das sieht man bei "Landlust". 

Frage: Der Trend zum Wachstum in der Nische – kann das immer weitergehen? Ist der nicht irgendwann zu Ende?

Antwort: Es wird immer innovative Verlage geben, und die Eintrittschancen für kleinere Verlage sind auch besser geworden. Es heißt heute, schneller entwickeln, schneller scheitern, falls man scheitert, und dann macht man was Neues. Ich glaube, weil es immer wieder neue Themen gibt, wird es auch immer wieder neuen Lesestoff geben. Ich werde oft gefragt, wird es noch Zeitschriften geben in 10 oder 50 Jahren? Es wird immer Interesse an gut gemachten Inhalten von Zeitschriften geben. 

Frage: Aber bei der Werbung wird es für Zeitschriften angesichts der Konkurrenz von Google und Facebook immer schwerer.

Antwort: Wir haben sinkende Auflagen, aber wir hatten noch nie so große Reichweiten. Die Werbekunden schalten Anzeigen, wenn wir nachweisen, dass es besser ist, bei uns zu werben. Die Skepsis bei den großen Werbetreibenden wächst, dass die Klickwirtschaft nicht nachweisen kann, was sie bringt. Da müssen wir uns anstrengen, der werbenden Wirtschaft nachzuweisen, dass in unseren Umfeldern besser geworben werden kann, dass es effektiver und effizienter ist. 

Frage: Wie ernst nehmen Sie die Konkurrenz auf dem Werbemarkt durch die Global Player?

Antwort: Amazon hat gerade 2000 Vermarkter eingestellt, die haben eine Durchdringung des Marktes erreicht, wo sie sagen, wir wollen jetzt auch Werbung verkaufen – und sie werden sich auch mit Medien befassen, davon bin ich überzeugt. Im digitalen Bereich haben die großen Global Player 70 bis 80 Prozent der Werbung abgeschöpft, das Wachstum bekommen sie fast komplett. 

Frage: Sind Google und Facebook nur Gegner? Auch Verlage profitieren ja von beiden.

Antwort: Das ist ja das Kuriose, auch die Öffentlich-Rechtlichen sagen genau wie die privaten: "Diskutieren Sie mit uns weiter auf Facebook." Wenn Sender oder Verlage außerdem ihre Inhalte bei Facebook einstellen, bekommen sie eine größere Reichweite, und Facebook wird gleichzeitig bedeutender. Das ist ein sich selbst nährendes System, eine Hydra. Darüber muss man nachdenken, was lässt sich dem entgegensetzen? 

Frage: Derzeit wird auch darüber diskutiert, was den Öffentlich-Rechtlichen im Netz erlaubt ist.

Antwort: Es kann nicht sein, dass die Begrenzung öffentlich-rechtlicher presseähnlicher Angebote aufgeweicht wird. Diese Angebote sind ja nicht kostenlos, auch wenn sie dem User kostenlos erscheinen. Es ist keine Frage, dass der Wettbewerb verzerrt wird, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender so etwas kostenlos anbieten. Wenn die Ministerpräsidenten hier keine klare Schranke setzen, dann ist vollkommen klar, dass vielen Verlagen das Wasser im Internet abgegraben wird. Wenn das geöffnet würde, würde der Finanzbedarf der Öffentlich-Rechtlichen auch viel größer werden. 

Frage: Wie sehen Sie die langfristigen Perspektiven für die Printbranche?

Antwort: Wir können gut in die Zukunft schauen und auch selbstbewusst, denn alles ist Content, unsere Gesellschaft lebt von Content. Und Content heißt, wir beschreiben die Welt, wir haben unsere Meinung dazu, wir haben unser Lebensgefühl. Die Menschen werden früher oder später merken, was ist Fake und was nicht Fake, was verdient Vertrauen und was nicht. Die Leute wollen lesen, sie werden lesen, die Zeitschrift wird noch lange, lange leben. 

ZUR PERSON: Rudolf Thiemann, geboren 1955 in Hamm, hat in Münster Jura studiert und dort auch promoviert. Seit 1986 gehörte er der Geschäftsleitung der Liborius Verlagsgruppe an. Die Geschäftsführung des Familienunternehmens mit mehr als 100-jähriger Tradition übernahm er 1993, seit 1998 ist er Inhaber und Verleger. Bereits im Jahr davor wurde Thiemann VDZ-Vizepräsident, Anfang November 2017 dann VDZ-Präsident als Nachfolger von Stephan Holthoff-Pförtner. Thiemann ist verheiratet, Vater von vier Kindern und lebt in München. 

Interview: Andreas Heimann, dpa

19.12.2017, 12:53
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