Medientage skizzierten europäische Alternative zu Internetriesen


Gegen die übermächtigen US-Internetkonzerne helfen nach Einschätzung von Medienexperten und Politikern nur bessere Zusammenarbeit in Europa – und bessere Werte. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich bei den 33. Medientagen München für eine alternative europäische Internetplattform aus: "Entweder sind wir bereit, den Wettbewerb anzunehmen, oder wir werden am Ende nur Konsumenten sein von anderen Wettbewerbern."

Die türkischstämmige Tech-Soziologin Zeynep Tufekci, Professorin an der Universität von North Carolina in den USA und Journalistin unter anderem für die "New York Times", zog gar Parallelen zum Kalten Krieg. Der Westen habe diesen gegen den Ostblock gewonnen, weil er einfach die besseren Werte, das bessere Lebensmodell angeboten habe. Dem seien die Menschen gefolgt. Ähnlich könne man das in der digitalen Welt mit Alternativen schaffen. Aus Sicht der Wissenschaftlerin haben Google und Facebook "autoritäre" Strukturen geschaffen, die derzeit "noch" für Kommerz und nicht für autoritäre Politik genutzt werden.

Ein Gegenmodell, das Gleiches anbiete, aber keine Daten sammle, sei die einzig denkbare Alternative, um die Macht der Konzerne zu zerschlagen. Vor allem eine Plattform wie Youtube, die Menschen mit dem Algorithmus hinter automatischen Videovorschlägen nicht nur in ihren Ansichten bestätige, sondern zunehmend radikalisiere, sei eine große Gefahr. "Wir werden auseinandergerissen – Bildschirm für Bildschirm", sagte Tufekci.

Youtube-Algorithmen geändert

Andreas Briese, Director Youtube Partnerships Central Europe, betonte in einer anderen Gesprächsrunde, dass die Algorithmen von Youtube in den vergangenen Jahren verändert worden seien. Ursprünglich sollten Videos gefördert werden, die viele Klicks erzielen. Danach seien Videos mit langen Sehzeiten favorisiert worden. Jetzt gehe es darum, Inhalte zu fördern, die breit und vielfältig und nicht in Nischen sind. Im Frühjahr habe es ein Update gegeben, das sich dem Problem von Hassreden, der sogenannten Hate-Speech, widme.

Der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm betonte: "Es ist unverzichtbar, dass sich Europa seine Souveränität auch im Digitalen bewahrt." Nahezu alle Plattformen sozialer Netzwerke über Cloud-Services werden demnach von Anbietern außerhalb Europas bestimmt. "Damit werden auch die Relevanz und Sichtbarkeit von Inhalten von Algorithmen gesteuert, deren Funktionsweise allein in den Händen von privaten Unternehmen liegt und deren Geschäftsmodell vor allem auf die gezielte Platzierung von Werbung ausgerichtet ist", sagte Wilhelm.

Auflagen und Werbeerlöse schrumpfen

Bei den Medientagen diskutierten Medienschaffende und Experten über die großen Herausforderungen der Branche – vor allem geht es um digitalen Wandel. Verlage müssen seit Jahren im Print-Bereich hohe Auflagenverluste hinnehmen. Auch die Werbeerlöse sind ein Problem. Zugleich feilen sie daran, über Bezahlmodelle im Internet Kunden zu gewinnen.

Medienunternehmen sehen in Bezahlmodellen im Internet Chancen. Was funktioniere, sei guter und fundiert ausrecherchierter Lokaljournalismus – und nicht das Katzen-Video, sagte die Leiterin der Onlineredaktion der "Aachener Zeitung", Nina Leßenich, in einer Gesprächsrunde. Der Chefredakteur der "Augsburger Allgemeinen", Gregor Peter Schmitz, betonte, dass man sich zunehmend darüber Gedanken mache, Inhalte so aufzubereiten, dass sie für den Leser relevant sind. Es gehe auch darum, den Leser besser zu verstehen.

07.11.2019, 09:59
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