Wut und Furcht befeuern Social Media-Debatten


Dominieren in Twitter-Kurznachrichten die Emotionen Wut und Furcht, ist die Wahrscheinlichkeit am größten, damit eine Social Media-Diskussion anzuregen. Das zeigten Forscher in groß angelegten Analysen von Online-Reaktionen auf Amokläufe und Anschläge. Während in ersten Reaktionen oft negative Emotionen die Postings dominieren, werden diese später teils von positiveren Tweets abgelöst.

Das Forschungsteam um Ema Kusen und Mark Strembeck vom Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien wählte für seine im Fachjournal „Applied Network Science“ erschienene Studie fünf tragische Ereignisse als Untersuchungsobjekte aus: Amokläufe bzw. -Fahrten und eine Geiselnahme in einem Supermarkt.

Zur Überraschung der Wissenschaftler gingen persönliche Direktnachrichten zwischen den Nutzern fast nur dann hin und her, wenn im ursprünglichen Posting Furcht oder Wut dominierten. „Bei keiner anderen negativen oder positiven Emotion haben wir sonst bilaterale Kommunikationsbeziehungen gefunden“, sagte Strembeck. Das lege den durchaus beunruhigenden Schluss nahe, „dass wenn jemand eine Nachricht verbreiten möchte – egal ob Propaganda, Fake News oder die Wahrheit – die Wahl hochemotionaler Inhalte, die Wut oder Furcht beinhalten, aus dessen Sicht eine Gute ist“.

Auf diese Weise ließen sich nämlich Antworten provozieren und indirekt die Nachricht selbst weiter verbreiten, wie die Studie nahelegt. Im Gegensatz dazu bleiben andere starke Emotionen wie Freude oder Traurigkeit in der bilateralen Twitter-Kommunikation in der Regel unbeantwortet. Das erkläre auch bis zu einem gewissen Grad, warum etwa politische Social Media-Kampagnen in den vergangenen Jahren vor allem dann erfolgreich waren, wenn sie auf Wut oder Furcht setzten. Hier könne man nun wissenschaftlich fundiert den Finger auf das Phänomen legen, so der Forscher.

Weniger starke Erregung bei Traurigkeit

Warum dem so ist, könne man noch nicht exakt beantworten. Im Gegensatz zur ebenso starken Emotion „Traurigkeit“ gehen Wut und Furcht aber mit starker Erregung einher, die sich offenbar auch ihren Weg in die Social Media-Debatten bahnt. Diese schon in Offline-Experimenten beobachteten Erkenntnisse, findet man laut Strembeck auch in Hunderttausenden echten Twitter-Beiträgen wieder.

Im zeitlichen Verlauf betrachtet, zieht ein Amoklauf unmittelbar großteils Twitter-Nachrichten voller Wut, Traurigkeit und Furcht nach sich, bald danach werden Postings häufiger, in denen Mitgefühl oder Trost ausgesprochen werden. Das sei als Hinweis darauf zu werten, dass die sogenannte „Undoing Hypothese“ zutreffe. Diese besagt, dass Menschen vielfach versuchen, positive Emotionen als eine Art „Gegenmittel“ gegen negative Emotionen einzusetzen.

25.04.2019, 12:14
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